Geschichten und Sagen rund um die Alb
Die Rettung von Oberlenningen
Am Rand der Schwäbischen Alb hatten sich in den Dörfern zwischen Geislingen und Reutlingen deutsche Truppen eingerichtet. In dem unwegsamen Gelände sollte der Vormarsch der Alliierten erneut aufgehalten werden. Die Drachenlochbrücke der A8 war genauso gesprengt worden, wie zahlreiche andere Straßen, die eine Überquerung der Alb hätten begünstigen können. So rückten die Amerikaner einerseits über das Filstal vor und schwenkten an der Teck nach Süden. In den Dörfern waren Panzersperren errichtet worden. Das Wetter passte zur Kriegslage: Es wehte ein kalter schneidender Wind. Das Kommando in den Dörfern hatten zumeist junge, im NS-Staat aufgewachsene Offiziere, die ihre Durchhalte-Befehle nicht hinterfragten.
Kirchheim war am 20. April besetzt worden. Von dort aus rückten die US-Streitkräfte mit Panzern über die heutige B 465 Richtung Owen vor, das am Folgetag im Kampf genommen wurde. Über Nabern und Bissingen brachen sie bis nach Schopfloch durch. Bei Wernau waren Teile der Volksgrenadierdivision 559 kurzfristig in einen Kessel geraten.
Unmittelbar südlich von Owen lag am 21. April noch immer der Gefechtsstand des örtlichen deutschen Kampfkommandanten in Brucken. Das amerikanische Artilleriefeuer aus dem Bogen von Nabern bis Schopfloch ließ aber keinen Zweifel, dass der Vorstoß auf Brucken und Oberlenningen nicht mehr lange auf sich warten ließ. Tieffliegerangriffe unterstützten die Angriffsvorbereitungen.
In Oberlenningen hatten viele Einwohner in den Gebäuden der Papierfabrik Scheufelen Zuflucht gesucht. Die Produktion war schon vor Wochen eingestellt worden. Doch die Papierfabrik hatte ein Problem, dessen sich viele bis dahin nicht bewusst waren. Die Fabrik hatte bis zuletzt Papiererzeugnisse produziert und verfügte noch über 15 Tonnen Chlorgas, das zum Bleichen von Faserstoffen verwendet wurde. Das Gas lagerte in Tanks, die weder gegen Beschuss noch gegen Bombeneinwirkung gesichert waren.
Der Werksleitung war klar, dass ein Beschuss der Fabrik eine Chlorgaswolke verursachen konnte, der nicht nur zahlreiche Zivilisten auf dem Werksgelände zum Opfer fallen würden. Die Chlorgaswolke würde sich auch auf die ahnungslosen US-Soldaten zubewegen, die zunächst keine andere Erklärung haben würden als einen Gasangriff.
So beschloss die Werksleitung den zuständigen deutschen Kommandanten in Brucken aufzusuchen, der sich jedoch auf seine Befehle zur bedingungslosen Verteidigung des Abschnitts berief. Er schickte Karl-Erhard Scheufelen und seine Begleiter zum Divisionsstab in Grabenstetten, da die Funkverbindung dorthin nicht funktionierte. Die Steige war durch Sprengungen und Panzersperren unpassierbar. Die Delegation musste sich zu Fuß durch die Nacht kämpfen.
Schließlich erreichten sie den für das Lenninger Tal zuständigen Stab der 47. Division unter Major Wetzky. Dieser erkannte die Situation sofort. Er verfügte, dass Oberlenningen im Umkreis von 500 Metern nicht verteidigt werden dürfte und ließ per Funk eine Warnung an die X. amerikanische Panzerdivision und das II. französische Korps schicken, das aus dem Uracher Tal nachrückte. Für alle Fälle sollte ein Unterhändler mit Übersetzer entsendet werden. Die Alliierten erhielten und verstanden aber den Funkspruch.
Am Morgen des 22. April war man mit dem Divisionsbefehl wieder in Brucken, das noch immer nicht per Funk erreichbar war. Die Erläuterung des Befehls fiel mit dem amerikanischen Angriff auf Brucken zusammen. In der Papierfabrik waren inzwischen weiße Fahnen mit grünem Kreuz zur Warnung vor Giftgas aufgehängt. Während in Brucken die Kämpfe noch andauerten, wurden in Oberlenningen die Panzersperren geräumt. Die Gefahr war dadurch noch nicht vorüber. Aus den Gefechten in der unmittelbaren Umgebung heraus schlugen auch mehrere Panzergranaten im Bereich der Fabrik ein. Die Chlorgastanks blieben aber ungeschädigt.
Am 22. April gegen 11 Uhr zogen sich die deutschen Verteidiger , ca. 160 Mann, aus Brucken zurück um sich bei Grabenstetten wieder festzusetzen. Nicht alle deutschen Soldaten hatten den Rückzugsbefehl erhalten. So gab es noch einen Panzerabschuss und Schießereien in Unterlenningen. Auch war eine Panzersperre nicht geräumt. Die Werksleitung konnte die Räumung allerdings noch zeitnah erreichen. Kurz nach 13 Uhr rückten die amerikanischen Panzer in Oberlenningen ein.
Quelle: Forschungsgruppe Untertage e.V.
Der Hexensprung über das Lenninger Tal
Einst hatte der Graf von Württemberg, als er auf seiner Burg Hohenurach zu Gast war, eine wichtige Botschaft an den Kaiser nach Prag zu übermitteln und suchte einen Boten, der innerhalb von acht Tagen wieder zurück sein sollte, um ihm die Antwort zu bringen. Doch keiner der Ritter und Knechte wagte es, den Auftrag zu übernehmen, weil jeder wusste, dass man auch mit dem besten Pferd für eine solche Reise viel länger braucht.
Der Tag verging, ohne dass sich ein Bote meldete, und der Graf war darüber sehr ärgerlich. Am Abend endlich klopfte ein altes Weiblein ans Burgtor. Die Knechte wollten es zuerst nicht einlassen, führten es dann aber doch vor ihren Herrn. Die Frau versprach, des Grafen Wunsch erfüllen zu können. Man lachte sie zuerst aus, aber als sie hoch und heilig beteuerte, es sei ihr ernst, man möge ihr die Botschaft anvertrauen, willigte der Württemberger ein. „Wenn Ihr Euer Wort haltet“, sagte er, „so soll Euch ein reicher Botenlohn werden.“
Die Frau kehrte rasch nach Hause zurück. In einer Pfanne über dem Herdfeuer kochte sie aus allerlei Wurzeln und Kräutern eine Zaubersalbe. Dann holte sie ein Kalb aus dem Stall, bestrich es mit dem Brei und murmelte dabei unverständliche Sprüche. Schließlich setzte sie ihren Mann auf das Tier und schärfte ihm ein, unterwegs kein Wort zu sprechen.
Das Kalb tat ein paar wunderliche Sprünge, hob sich mitsamt seinem Reiter in die Luft und jagte davon. Es flog durch die Wolken, über Berge und Täler, Dörfer und Wälder, und seine Sprünge waren so gewaltig, dass es kaum den Boden berührte. Dem Mann verging Hören und Sehen bei dem wilden Ritt, aber als der Morgen graute, war er in Prag, übergab dem Kaiser des Grafen Botschaft und erhielt auch sogleich eine Antwort. Ohne Säumen machte er sich auf den Heimweg. Wieder sauste das Tier durch die Lüfte, und der Reiter musste sich an seinem Fell festkrallen, um nicht abzustürzen. Da sah er auch schon das Lenninger Tal unter sich, und mit einem mächtigen Sprung setzte das Kalb von der einen Talwand zur anderen hinüber. „Ho, das war aber ein Sprung!“, entfuhr es unversehens dem Mann, – und schon lag er am Boden. Langsam stand er auf und blickte sich um, doch sein Reittier war verschwunden. Alle Knochen taten ihm weh, aber was blieb ihm übrig? Zu Fuß musste er nach Urach hinabsteigen und dem Grafen des Kaisers Schreiben bringen.
Hätte er geschwiegen, so wäre ihm dies erspart geblieben. Aber der reiche Botenlohn ließ ihn sein Missgeschick rasch vergessen.
Quelle: Spähre Alb entdecken
Die Boller Bluttat
Am 15.06.1707 geriet Boll in große Aufregung, weil drei französische Soldaten frühmorgens ins Dorf kamen. Sie aßen und tranken, zahlten aber nicht und verlangten vom Schultheiß (= Bürgermeister) einen Führer. Die Boller Bevölkerung war zusammengelaufen und hatte befürchtet, daß weitere Soldaten folgen würden. Zur großen Erleichterung zogen die Soldaten weiter. In Dürnau im Wirtshaus erzählten die drei, dass sie desertiert seien und über die Schweiz zurück zu ihren Familien nach Frankreich wollten. Gegen 2 Uhr waren sie wieder in Boll und boten ihre Flinten u.a. zum Verkauf an, es wollte aber niemand kaufen. Gegen 3 Uhr zogen sie weiter in Richtung Weilheim. Die Boller fürchteten nun die Franzosen wollten auf ihrem weg Pferde oder anderes Vieh rauben. Daher folgten ihnen zwei verheiratete junge Männer namens Hans Georg Gölz und Hans Sayler. Unterwegs trafen sie noch zwei desertierte
württembergische Soldaten. Die fünf sahen die Franzosen unter einer Eiche sitzen und beschlossen ihnen die Flinten u.a. abzunehmen. Das taten sie auch, aber die Franzosen nahmen ihre Säbel und gingen auf sie los. Nun schlugen die fünf so lange zu, bis die Franzosen blutige Köpfe hatten und Ruhe gaben. Auf dem Rückweg nach Boll merkten sie, dass die Franzosen ihnen nachschlichen. Sie verabredeten die Soldaten über die Gruibinger Berge nach Neidlingen zu führen, damit dem Flecken (= Ort) Boll und ihnen kein Unheil geschehen solle.
Die Franzosen gingen auch eine Stunde weit mit, bis sie im Bereich der "Mähder" nicht mehr wollten. Dort kam es zum Streit, bei dem beide Parteien solange mit den Flinten geschossen, mit Steinen und Prügeln geworfen haben, bis die Franzosen tot waren.
Die Urteile der juristischen Fakultät Tübingen fielen vergleichsweise milde aus. Danach ist sowohl die Franzosenschlucht, wie auch (viel) später die Franzosenbrücke benannt.
Aus dem Boller Heimatbuch S. 123 ff
Schlattstall
Geheimtreffen Gründung Baden-Württemberg's
Nach dem zweiten Weltkrieg wurde der Südweststaat in drei Teilen aufgeteilt. Im Südwesten Baden mit der Hauptstadt Freiburg, im Norden Württemberg-Baden mit der Hauptstad Stuttgart und im Süden Württemberg-Hohenzollern mit der Hauptstadt Tübingen. Baden und Württemberg-Hohenzollern wurde die französische Besatzungszone, und Württemberg-Baden war die amerikanische Besatzungszone. Die Amerikaner kontrollierten damit den bevölkerungsreicheren und hoch industrialisierten Norden. Die französischen Teile im Süden waren weniger dicht besiedelt und wirtschaftlich schwächer.
Der Gedanke für einen Südweststaat war nicht neu. Bereits zur Weimarer Republik 1919 hat Theodor Heuss den Vorschlag gemacht.
Nach mehreren Treffen auch auf dem Hohenneuffen 1948 der drei Politiker Gebhard Müller (CDU Württemberg-Hohenzollern), Reinhold Maier (FDP/DVP Württemberg-Baden) und Leo Wohleb (CDU Baden) befand man sich immer wieder in einer Sackgasse. Nie kam man zu einer Einigung, weil Baden gegen einen Südweststaat war. Reinhold Maier hat Gebhard Müller zu einem Geheimtreffen 1949 im Hirsch in Schlattstall im Lenninger Tal eingeladen. Reinhold Maier wollte unbedingt den Südweststaat. Dabei hatte er einen Vertragsentwurf für den Staat Baden-Württemberg. Er bot dem Müller eine Führungskraft für den neuen Staat an. Es kam aber alles anders. Nicht Müller wurde Ministerpräsident obwohl er mit der CDU die Mehrheit hatte, sondern Reinhold Maier. Noch 1977 habe Müller behauptet, dass Maier ihn beim Treffen in Schlattstall gebeten hatte Ministerpräsident zu werden. Persönlich waren Maier und Müller keine Freunde, aber für einen gemeinsamen Staat waren sie einig. Seit der Gründung von Baden-Württemberg 1952 waren die beiden dann endgültig verfeindet.
Quellen
Landeszentrale für politische Bildung
Hirsch Schlattstall
Hopfenburg
Im 19. Jahrhundert war Unterlenningen europaweit führend und 40 Jahre lang ein Mekka.
Um 1863 legte ein Notar namens Rudolph Erhardt auf dem sieben Hektar großen Gut einen Hopfengarten an. Sein Gedanke, mit dem Verkauf der Ernte ein hübsches Sümmchen zu erwirtschaften, war nicht abwegig. Schließlich erzeugte damals jedes Gasthaus sein eigenes Bier und in Ulm gab es einige Brauereien, die bei Zulieferern einkauften. Doch Erhardt hatte kein Glück. Die Preise brachen derart ein, dass sich der Anbau nicht mehr lohnte. Also verkleinerte der Notar die Hopfenanlage und legt dazwischen eine Obstbaumschule an. Aber sein Hopfen bekam er nicht los. Dafür entwickelte sich die Obstbaumschule zwar prächtig. Doch Erhardt verstand von der Erziehung der Bäume rein gar nichts. In seiner finanziellen Not verkaufte er das Gut, für 9 300 Mark erwarb Eduard Lucas die Ländereien zusammen mit der Hopfenburg. Als Eduard Lucas die Hopfenburg samt der dazugehörigen Flächen kaufte, war das Gut aus Mangel an Pflege und Düngung ziemlich heruntergewirtschaftet gewesen. Mit viel Fleiß und Sachverstand verbesserte Lucas, die Bodenqualität. Die aufgezogenen Bäume genossen einen hervorragenden Ruf. Sie galten als besonders widerstandsfähig, genügsam und wachstumsfreudig. Da es zu jener Zeit nicht nur Baumschulen, sondern auch Weingärtner gab und jeder, der über eine Obstwiese verfügte, Bäume veräußerte kam es zu einer Überproduktion. 1886 übernahm Eduard Lucas‘ Sohn die Obstbaumschule in Unterlenningen und führte den Betrieb auf dem 1 300 Bäume umfassenden Gut bis 1915 durch einen Verwalter fort. Nach dem Ersten Weltkrieg verkaufte Friedrich Lucas den Besitz an den Stuttgarter Geschäftsmann Herz, der auf dem Bühl eine Rennpferdezucht einrichtete. Die war wenig wirtschaftlich, und so erwarb 1923 die Gemeinde Unterlenningen die Hopfenburg. Die Grundstücke wurden an Bürger verkauft oder verpachtet. 1953 wurde die Hopfenburg abgerissen. Heute erinnert nur noch das Hopfenburgbrünnele an das Gebäude. Die Obstbaumschule Hopfenburg in Unterlenningen wurde 1874 eröffnet und war eine Außenstelle des Pomologischen Instituts, das Eduard Lucas um 1860 in Reutlingen gegründet hatte.
Wo die Hopfenburg bis 1953 stand und auf Spurensuche gehen will, kann das dank eines ausgeschilderten Rundgangs tun.
Gepflegt wir das ganze vom Obst-u. Gartenverein